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Eine Alkoholikerin wird Suchtberaterin

 

"Ich war ganz unten", erinnert sich Herzlinde Graff. Sie ist Alkoholikerin - "eine trockene", wie sie hinzufügt. Seit über 15 Jahren hat sie keinen Tropfen Alkohol mehr angerührt. Inzwischen hat die frühere Sekretärin einer Landwirtschaftlichen Produktionsgenossenschaft (LPG) ihre Abstinenz zum Beruf gemacht: In der Sucht- und Drogenberatungsstelle Malchin, die zum Diakoniewerk der Gemeinden Malchin/Teterow gehört, arbeitet sie als Suchttherapeutin. Als selbst Betroffene kann sie den Ratsuchenden besonders gut helfen, weil sie das Auf und Ab der Sucht kennt. Wie wohl die meisten Menschen - Schätzungen zufolge haben 2,5 Millionen Deutsche Alkoholprobleme - ist auch Herzlinde Graff eher zufällig süchtig geworden.

 

"Ich habe hauptsächlich bei Feiern getrunken", sagt sie. Ihr Wahlspruch damals: "Es geht keine Tür zu, wenn ich nicht da bin." Wenn alles ausgelassen waren, dann wollte sie nicht am Rande stehen. Doch es blieb nicht dabei. Ein Anlaß zum Feiern fand sich immer, und so wurde sie zur Feierabendtrinkerin. Abends eine Flasche Wein zusammen mit ihrem Mann, warum nicht? Ihre Ehe empfand die Mutter von zwei Kindern damals als gut. Weil ihr der Alkohol guttat und sie locker dabei wurde, kam auch "mal ein Likörchen hinzu" - oder Cognac und Klarer. Daß irgend etwas mit ihr nicht stimmte, merkte sie erst, als ihr Chef sie ansprach und wissen wollte, ob sie gefeiert hätte. Sie hatte nicht. Da dämmerte ihr, daß das, was sie für einen normalen Umgang mit Alkohol hielt, doch wohl nicht so ganz normal war. Sie machte eine Therapie - vergeblich.

 

Als sie wieder zu Hause war, fing sie nach einem halben Jahr wieder an zu trinken. Sie war kaum belastbar. Ihre Probleme hatte sie während der Therapie verdrängt, aber sie waren nicht gelöst worden. Als sie schließlich keinen Ausweg mehr wußte, zog sie zu ihrer Mutter, die in der Nähe von Malchin lebte. Trotz ihrer Sucht fand sie eine neue Anstellung. Denn Alkoholismus gab es im real existierenden Arbeiter- und Bauernstaat offiziell nicht. Sie arbeitete in der Verwaltung der Konsumgenossenschaft - nicht als Sekretärin, sondern als Putzfrau. "Ich hatte mich regelrecht heruntergesoffen", erinnert sie sich. Aber auch hier blieb ihre Sucht nicht unbemerkt. Doch im Gegensatz zur offiziellen Staatsdoktrin ging man dort mit Alkoholproblemen nicht zur Tagesordnung über, sondern stellte sich der Herausforderung. Man hatte einen Ansprechpartner für solche Probleme, nämlich den Arzt Dr. Martin Bertow. Er bot Einzel- und Gruppentherapien für Süchtige an.

 

Das Besondere: Bertow war Christ und Leiter der Baptistengemeinde in Malchin. Immer wider sprach er deshalb mit seinen Patienten auch über den christlichen Glauben und lud sie in den Gottesdienst ein. Über ein Jahr dauerte es, bis Herzlinde Graff schließlich die Einladung annahm.Einfacher wurde es für sie, weil ihr neuer Partner, den sie später auch heiratete, schon Erfahrungen mit dem Glauben gemacht hatte. Und so gingen sie gemeinsam in die Gottesdienste. Schnell fühlten sich beide in der Gemeinde wohl. Denn niemand sprach Herzlinde auf ihr Alkoholproblem an. "Da habe ich mich erstmals seid langem wieder als Mensch gefühlt." Bei einer Tagung der Gemeinde für Freunde und Gäste in Neubrandenburg wurde sie schließlich Christin. Sie war zwar konfirmiert, doch der Glaube an Gott war ihr verlorengegangen. In der Freizeit sprach sie eine Andacht an. Sie nutze die Möglichkeit zur seelsorgerischen Aussprache, betete und übergab Gott ihr Leben.

 

Das wirklich Erstaunliche passierte: Seitdem hat sie keinen Alkohol mehr angerührt. Nicht einmal mehr ein Bedürfnis zu Trinken hat sie seitdem verspürt. Zusätzlich hat sie auch mit dem Rauchen aufgehört: "Dabei habe ich früher einmal sehr gerne geraucht." Sie und ihr Mann fanden neue Freunde in der Gemeinde, von denen sie auch privat immer wieder eingeladen wurden. Gemeinsam ließen sich beide schließlich in der Gemeinde taufen. Nach vier Jahren glücklicher Ehe starb ihr Mann. Es war ein erneuter tiefer Einschnitt in ihrem Leben, aber sie spürte, "wie ich von Gott getragen und behütet wurde". Die Gebete der anderen Gemeindemitglieder halfen ihr, die "dunkle Zeit der Trauer" zu überstehen. Für sie war es die erste große Belastung, die sie ohne Alkohol meistern konnte. Seit jener Zeit arbeitete sie ehrenamtlich in einer Selbsthilfegruppe für Alkoholiker mit. In der Wendezeit der DDR bekam sie dann die Gelegenheit zu Umschulung zur Suchtberaterin.

 

Eigentlich wollte sie nur "irgendwo Menschen helfen", so ihre Motivation, als sie sich beim Sozialamt nach einer Beschäftigungsmöglichkeit erkundigte. Zu ihrem Erstaunen mußte sie dort feststellen, daß Mitarbeiter vor allem für die Betreuung von Alkoholikern gesucht wurden - "und niemand wollte den Job machen". In diesem Erlebnis konnte sie für sich persönlich den Ruf Gottes in die Arbeit unter Suchtkranken sehen. Wie seinerzeit schon Dr. Bertow setzt sich auch sie auf die enge Verzahnung der Beratung mit der Gemeindearbeit. Denn sie weiß, daß ohne Bindung an Jesus Christus der Ausstieg aus der Sucht schwieriger wird. Heute ist Herzlinde Graff froh über die Wende in ihrem Leben. Andere Wünsche und Ziele bestimmen ihren Alltag als früher.

 

Für Alkohol gibt es keinen Platz mehr. Kraft gibt ihr eine Zusage Gottes aus der Bibel: "Ich bin bei euch alle Tage, bis an der Welt Ende." Sie fällt in den Gesprächen mit den Ratsuchenden nicht mit der Tür ins Haus, sondern wartet, bis sie gefragt wird. Aber sie wird immer wieder gefragt. Sie erzählt dann aus ihrem Leben. Auch auf ihre Lieblingsbibelstelle geht sie ein: "Er zog mich aus der grausamen Grube und aus dem Schlamm und stellte meine Füße auf einen Fels" (Psalm 40,3) - eine Kurzbeschreibung ihres Lebens. Manche der Hilfesuchenden stimmt das nachdenklich. Sie schauen tatsächlich bei den Baptisten vorbei. Und einige haben sich inzwischen taufen lassen.

Quelle: "Die Gemeinde" 1/1998

 

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